unerzogen – in der Großfamilie

unerzogen – in der Großfamilie

Da ich immer mal wieder gefragt werde, was es mit dem unerzogen in meinem Slider auf sich hat, möchte ich euch heute einen Einblick geben. Ich bin allerdings kein Experte (oder nach 6 Kindern vielleicht doch?), beschäftige mich allerdings seit einiger Zeit mit dem Thema unerzogen, weil ich hier einfach ganz viel von unserem Umgang mit unseren Kindern wiedergefunden habe.

Der Begriff unerzogen ist für mich eigentlich nur stimmig nachzuvollziehen, wenn man sich die genau Definition von Erziehung einmal anschaut:

    „Erziehung ist die soziale Interaktion zwischen Menschen, bei der ein Erwachsener planvoll und zielgerichtet versucht, bei einem Kind unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und der persönlichen Eigenart des Kindes erwünschtes Verhalten zu entfalten und zu stärken. Erziehung ist Bestandteil des umfassenden Sozialisierungsprozesses; der Bestandteil nämlich, bei dem von Erwachsenen versucht wird, bewusst in den der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern einzugreifen – mit dem Ziel, sie zu selbständigen, leistungsfähigen und verantwortungsvollen Menschen zu bilden.“ (Hurrelmann, Klaus, 1994, 13)

Unerzogen bedeutet damit, dass wir als Elternn eben nicht versuchen das Verhalten und die Persönlichkeit unserer Kinder zielgerichtet auf einen von uns erwünschten Endzustand hin zu formen, sondern sie einfach auf ihrem Weg begleiten und ihre Wünsche und Bedürfnisse genau so ernst nehmen wie unsere eigenen. Nun haben wir ja 6 Kinder und jedes ist mit einem ganz eigenen Verhalten und Charakter geboren und trotz das alle einem gemeinsamen Rahmen haben, entwickeln sich unsere Kinder in ganz verschiedene Richtungen und jedes braucht ganz eigenen Hilfen und Unterstützungen, so dass wir jedem Kind wirklich anders begegnen. Starre Regeln und sinnlose Grenzen wurden von unseren Kindern schnell in Frage gestellt und brachte eigentlich nur gegenseitigen Frust.
Unerzogen: hört sich nun erst einmal so an, als würde das Kind machen können was es will und wir sind einfach nur die Sklave unserer Kinder. Einerseits ist das tatsächlich so, denn wir versuchen unsere Kindern so wenig wie möglich in Grenzen zu stecken die künstlich sind und eigentlich keinen Sinn machen. Dennoch gibt es selbstverständlich Grenzen: natürliche Grenzen (Ein Kind ist mit 2 noch nicht in der Lage auf einen Baum zu klettern), logische Grenzen (ein Kind kann natürlich im Geschäft nicht einfach alles mitnehmen) und nicht zu vergessen die eigenen Grenzen bzw die im Umgang mit anderen Menschen entstehen (ich bin dann einem langen Tag einfach zu müde für eine 10. Gute-Nacht-Geschichte). Auch gibt es bei uns Regeln, aber an die halten sich dann alle. Bei uns sind das zum Beispiel die gemeinsamen Mahlzeiten.
Wie gehen wir nun mit diese verschiedenen Bedürfnissen um?
Wenn man nun davon ausgeht, dass die Bedürfnisse aller die gleiche Wichtigkeit und den gleichen Wert besitzen, muss man sich dennoch einen wichigen Punkt vor Augen führen: Wir Erwachsenen haben bereits gelernt unsere Bedürfnisse und damit auftretende Emotionen zu hinterfragen und die auch für einige Zeit zurückzustellen und zu reflektieren. Eine Fähigkeit die Kinder die Kinder erst noch Lernen müssen. Dafür bedarf es allerdings keiner Sanktionen sondern sehr viel Feingefühl und Vorbildwirkung. Wenn ein Kind gerade voller Emotionen ist (Wut, Ärger, Trauer usw) dann versuchen wir ihm  seine Gefühle zu verbalisieren und auf jeden Fall anzuerkennen und dann zu schaun was wir tun können. Manchmal reicht schon ein in den Arm nehmen, manchmal Bedarf es etwas mehr. Auch sagen wir unseren Kindern was unsere Bedürfnisse sind und wie es uns damit geht.
Der  KOMMUNIKATION kommt bei unerzogen eine sehr große Rolle zu, denn alles was wir sagen schafft den Rahmen in den unsere Kinder aufwachsen, ihre Realität, wie sie sich selbst und die Welt wahrnehmen, erleben und interpretieren. Wir setzen hierbei auf die Gewaltfreie Kommuniaktion, der ich einen eigenen Artikel widmen werde. Wenn wir unseren Kindern eine äußerst positive Einstellung gegenüber haben und ihnen unser Vertrauen in ihr Tun schenken, dann haben wir schon einen großen Schritt in die richtige Richtung getan. Kinder tun niemals etwas um uns zu ärgern (wie ihr schon in meiner letzten Rezension lesen konntet), sondern sie brauchen uns auf eine ganz bestimmte Weise. Das ist auf den ersten Blick natürlich nicht immer zu erkennen. Ein kleines Beispiel aus meinem Alltag: Mein 4 Jähriger lässt sich zum Beispiel sehr oft die Schuhe von mir anziehen, obwohl er das schon selber kann. Oft fühlt man sich davon vielleicht genervt, weil man nicht wirklich ein Bedürfnis dahinter vermutet und würde darauf bestehen, dass er es selber tut. Ich ziehe ihm die Schuhe dann aber an,weil ich weis, dass es ihm in den Moment nicht um das Schuhe anziehen geht, sondern um den Kontakt. Oft sind das nämlich Momente in denen er sehr müde ist ider ganz klassisch nach dem Kindergarte. Mir tut es nicht weh ihm die Schuhe anzuziehen und damit sein Bedürfnis nach Nähe zu stillen. Das stärkt sein Vetrauen in unsere Beziehung, weil er weis das er sich auf mich verlassen kann. Ein anderes Mal kommt er mir freudig entgegen und schreit : Mama ich habe schon die Schuhe angezogen 😀
Vor allem die typischen Erziehungs-Sätze „Wenn du nicht….dann…“ fehlen in unserem Alltag.

Die häufigste Frage: „Werden dann nicht kleine Tyrnnen aus den Kindern, die total egoistisch und selbstverliebt sind?“ aus der die Angst spricht, dass unerzogene Kinder später nicht unserer Welt zurechtkommen werden. Ich sage dazu ganz klar NEIN.
Ein kleiner Mensch der auf die Welt kommt, braucht uns. Er braucht für alle seine Bedürfnisse uns. Er kann keins seiner Bedürfnisse ohne uns erfüllen. Wenn er nun lernt, dass seine Bedürfnisse schnell und richtig erfüllt werden, dann kann er seiner Umgebung und auch uns vertrauen. Dieses Urvertrauen ist essentiell für seinen weiteren Lebensweg. Das heißt manchmal auch Dauertragen, dauerstillen und auch das wir als Eltern unsere Bedürfnisse zurückstellen müssen. Aber wir haben den kleinen Mensch ja auch zu uns eingeladen, oder? Die Jahre in denen uns die Kleinen so viel brauchen sind im Vergleich zu allem andern so wenig und dennoch so entscheidend. Ein Kind was gelernt hat seine Bedürfnisse zu verbalisieren und elernt hat das seine Bedürfnisse ernst genommen werden, das kann auch später die Bedürfnisse anderer Menschen erkennen und darauf eingehen.
Wir haben ja mittlerweile auch schon größere Kinder und auch wenn diese nicht 100% unerzogen sind, haben sie dennoch eine „Erziehung“ genossen, die ihre Bedürfnisse berücksichtigt hat und ich kann sagen, tyrannisch verhält sich keines von Ihnen. Ganz im Gegenteil. Auch von außen bekommen wir viel Bestätigung, wie sozial und verantwortungsvoll unsere Kinder sind.
Unerzogen mit 6 Kindern? Wo bleibe ich?
Auch wenn unerzogen schwierig scheint, finde ich das ein solcher gleichberechtigter Weg insgesamt zu sehr viel weniger Stress führt als der autoritäre. Wenn ich zum Beispiel einkaufen gehe und da oft Kämpfe erlebe zwischen Eltern und einem Kind, dann denke ich oft bei mir….hach unerzogen ist doch sooo viel besser. Wenn ich einkaufen gehe und meine Kinder (vor allem die kleinen) sehen, Mama packt so viele Sachen in den Wagen die sie will und ich darf gar nix haben? führt das nicht automatisch zu Frust den man vermeiden kann? Warum sollten meine Kinder sich nich ebenso etwas aussuchen dürfen? Wieso sollte mein Kind zum Tyrann werden, weil es das gleiche tut wie ich? Etwas für sich und sein Wohlergehen auszusuchen? wir vereibaren vor dem einaufen immer was wir in etwa kaufen werden und dabei dürfen die Kinder auch helfen es in den Wagen zu tun. Und jedes Kind darf sich auch etwas aussuchen, sei es ein Joghurt, eine Schokolade oder ein Smoothie….das ist ganz gleich und wird auch nicht bewertet. So läuft einkaufen fast immer ganz entspannt ab und jeder freut sich über seinen kleinen Einkauf.  In jedem Moment wo ein Kind sauer ist versuche ich mir vorzustellen,wie es mir als Kind damit erging oder welche Reaktion ich mir in der Situation von meinem Mann wünschen würde, das hilft mir immer den richtigen Blick zu bekommen und nicht in Muster zu verfallen, in denen ich groß geworden bin und die trotz besseren Wissens immernoch verwurzelt sind.
Ich gebe zu, dass für mich fast nie exklusive Zeit vorhanden ist. Ich suche mir tatsächlich einfach nur kleine Inseln mittendrin im Geschehen. Eine Tasse Tee, ein paar Reihen stricken, ein paar Minuten am Handy/PC müssen da reichen. Aber auch das ist eine Sache der Einstellung wie ich finde.  Und wenn mal gerade alles doof zu sein scheint und gar nix läuft, schalten wir laut Musik ein (was dank fehlender Nachbarn geht) und tanzen eine Runde. Das beruhigt oft die Gemüter und danach sieht die Welt schon wieder besser aus. Auch ein Spaziergang wirkt immer Wunder:D

Liebe Grüße
Sissy